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Welche Rückwirkungen lösen Veränderungen auf den internationalen Finanzmärkten auf die Regelungsstrukturen in den Volkswirtschaften der Welt aus? Wie verändert sich dadurch staatliches und überstaatliches Verhalten? Inwieweit können überhaupt noch Staaten im Alleingang oder in den Formen internationaler Zusammenarbeit öffentliche Rahmenbedingungen auf den internationalen Finanzmärkten fortentwickeln und durchsetzen? Welche Veränderungen haben diese Entwicklungen auf die Staaten selbst (Stichwort Globalisierung und Governance)? Die Wechselwirkungen zwischen den rasant wachsenden, praktisch globalen Finanzmärkten und den öffentlichen Ordnungssystemen sind vielschichtig. Sie zu untersuchen ist Ziel des Graduiertenkollegs, das im Titel daher von „konstitutionellen Grundlagen globalisierter Finanzmärkte“ spricht, um auf diese Weise zwei Perspektiven zusammenzufassen: Einerseits soll die Selbstständigkeit der Finanzmärkte hervorgehoben werden, die in ihren fortwährenden Innovationsprozessen staatliche Stellen zu ständiger Reaktion herausfordern. Andererseits widmet sich das Forschungsprogramm der Frage, welche grundlegenden öffentlichen Strukturen bestehen, die über den Einzelfall hinaus Verbindlichkeit als Ordnungselemente sich wandelnder Finanzmärkte beanspruchen können.
Inhaltlich beruhen öffentliche Regeln auf Gesamtanalysen, die Nutzen und Kosten der Märkte einbeziehen. Damit stellt sich zunächst die Frage nach der faktisch und normativ zutreffenden Erfassung derartiger Nutzen und Kosten. Auf der Nutzenseite sind heute die Vorteile offener, wettbewerblich organisierter Finanzmärkte unter dem Gesichtspunkt effizienter Faktorallokation anerkannt. Zumindest faktisch nimmt die Mehrzahl der Staaten die internationalen Finanzmärkte intensiv in Anspruch, sei es um Direktinvestitionen anzulocken, Staatsanleihen zu begeben oder um selbst Kapital anzulegen. Auf der Kostenseite herrscht ebenfalls weitgehende, faktische Übereinstimmung, dass Finanzmärkte Urheber oder Verbreitungsherde schwerwiegender gesamtwirtschaftlicher Risiken sein können. Über diesen Grundkonsens hinaus besteht aber sowohl in faktischer als auch normativer Hinsicht erhebliche Unsicherheit über den Umgang mit Nutzen und Kosten der Finanzmärkte. Die Nutzenfrage ist beispielsweise bei den Hedge Fonds im Detail erheblich umstritten, erst recht bei den sog. sovereign wealth funds. Risikoeinschätzungen sind beispielsweise bei Kreditderivativen mit erheblicher Unsicherheit behaftet. Das noch frische Beispiel der internationalen Finanzkrise, die vom US-amerikanischen Verbriefungsmarkt für Hypothekenkredite ausging, unterstreicht, wie unerwartet und in den Auswirkungen kaum prognostizierbar Krisen entstehen und sich fortpflanzen können.
Jenseits der Nutzen-Kosten-Analyse sind es eine Reihe von aktuellen Herausforderungen, die es erschweren, den Finanzmärkten Rahmenbedingungen aufzuerlegen: 1. Die erhebliche Innovationskraft der Märkte, die in kurzen Intervallen zu neuen, in ihren positiven und negativen Auswirkungen schwer zu beurteilenden Produkten führt. 2. Die sich ständig wandelnde Verflechtung innerhalb der Finanzmärkte auf Ebene der Finanzprodukte und der handelnden Akteure. 3. Die komplexe Verflechtung zwischen Finanzmärkten und der Realwirtschaft. 4. Das Auseinanderfallen zwischen der globalen Dimension der Finanzmärkte und der regional begrenzten Steuerungskraft öffentlicher Stellen, sei es in der Geldpolitik oder der Finanzmarktaufsicht. 5. Gleichzeitig verändern sich die Bedingungen, unter denen internationale Institutionen stabilisierend wirken können. So wird beispielsweise durch die seit einigen Jahren bestehende Liquiditätsschwemme auf den Finanzmärkten die Konditionalitätspolitik des IWF unterminiert und damit die Wirksamkeit bisheriger Instrumente geschwächt. Ziel des Forschungsprogramms ist es daher, im hochdynamischen Umfeld der internationalen Finanzmärkte und unter der Bedingung erheblicher Erkenntnisunsicherheit Ordnungsziele herauszuarbeiten, die als Stabilitätsanker wirken können.
Vor diesem Hintergrund sollen auf drei Themenfeldern die Wechselwirkungen zwischen Finanzmärkten und öffentlichen Institutionen erfasst werden.
Inhaltlich steht das Thema „Finanzsystemstabilität als internationale Regulierungsaufgabe“ im Mittelpunkt des Graduiertenkollegs. Finanzmarktstabilität bzw. Finanzsystemstabilität gilt heute als ein global anerkanntes Regulierungsziel, dessen Umsetzung allerdings außerordentlich komplex ist. Finanzmärkte können als systemisch stabil gelten, wenn sie eine bestmögliche Allokation der Finanzmittel, ein verlässliches Bepreisen und Handeln von Risiken sowie die sichere Abwicklung von Zahlungen und Wertpapiertransaktionen gewährleisten. Zudem sollen die Finanzmärkte in der Lage sein, ohne substantielle Einschränkungen des Allokationsprozesses auch starke externe Schocks zu verarbeiten. In der Wirklichkeit lassen sich freilich erstens erhebliche regionale Unterschiede beobachten. Zweitens unterliegt die Finanzsystemstabilität über den Zeitablauf hinweg starken Schwankungen. Drittens erfordern die Teilmärkte differenzierte Betrachtungen, welche konkreten Anforderungen erfüllt sein müssen, um von systemischer Stabilität sprechen zu können. In instrumenteller Hinsicht haben sich die Techniken in den letzten Jahren erheblich verfeinert, um Finanzsystemstabilität zu gewährleisten. Generell lässt sich zwischen Krisenprävention, Krisenmanagement und Krisenbereinigung unterscheiden. Dabei greifen gesetzgeberische und verwaltungsbezogene Maßnahmen ineinander. Systemstabilität soll zudem durch einen Instrumentenmix aus öffentlicher Regulierung, Selbstregulierung sowie Markttransparenz und -disziplin erreicht werden. Ferner berühren sich Geldpolitik und Marktaufsicht, insbesondere soweit es um die Funktionen des lender of last resort geht. Durch die Konzentration auf das Ziel der Finanzmarktstabilität sollen aber andere öffentliche Ziele nicht ausgeblendet werden, die für die Finanzmarktregulierung von Belang sind, wie z.B. der Anlegerschutz. Sie können z.B. dann näher untersucht werden, wenn ihre Wechselwirkung mit dem Stabilitätsziel erkenntnisfördernd wirkt.
An diesen Schwerpunktbereich schließt sich das Themenfeld „Adäquanz der Internationalen Finanzarchitektur“ an. Die unter diesen Begriff zu fassenden Institutionen sollen auf ihre organisatorische und funktionale Angemessenheit in Bezug auf die Zielsetzung der Finanzsystemstabilität untersucht werden. Das betrifft zunächst die Aufgabenstellung und Governancestrukturen der einzelnen Institutionen, insbesondere des IWF, der Basler Gremien und des ESZB. Zu hinterfragen ist ferner, ob die Regulierungsverfahren hinreichend flexibel sind und in welchem Umfang die erreichten Ergebnisse künftig nicht nur faktisch, sondern auch rechtlich durchsetzbar sein sollten. Dies schließt die Frage nach der angemessenen Beteiligung der Betroffenen, der politischen und gerichtlichen Revisibilität und generell der demokratischen Legitimation ein. Die internationalen Organisationen auf diesem Feld werden ergänzt durch zahlreiche Formen bilateraler und multilateraler Zusammenarbeit zwischen Zentralbanken und Aufsichtsbehörden. In der Mehrzahl der Fälle erfolgt die Zusammenarbeit aufgrund politischer Absprachen, was die Frage aufwirft, ob solche Verfahren als echte Amtshilferegeln formalisiert und verbindlich gestellt werden sollen. Schließlich soll die Frage behandelt werden, welcher konkrete Reformbedarf sich auf Ebene der europäischen Aufsichtsstrukturen stellt, insbesondere ob die Verteilung der Aufsichtszuständigkeiten den Anforderungen der Finanzmärkte genügt.
In der dritten Säule sollen die „Wechselwirkungen zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft“ exemplarisch anhand der Felder Devisenmärkte, Termin- und Optionsmärkte, Kreditmärkte sowie Märkte für Auslandsinvestitionen untersucht werden. Hieraus sind die Folgen für die Geldpolitik und die Finanzmarktaufsicht abzuleiten. Es geht bei diesen Untersuchungen vorrangig darum, die spezifischen Risiken dieser abgrenzbaren Märkte zu untersuchen, auf denen die Finanzsysteme und die Realgütermärkte sich besonders eng berühren. Die Arbeitshypothese lautet, dass es auf diesen Märkten zuerst zu Risikoübertragungen von einer Seite auf die andere kommen kann. Hieraus soll abgeleitet werden, welche Regulierungsanstrengungen inhaltlicher Art getroffen werden müssen, um bestehende Risiken entweder offen zu legen oder zu minimieren.
Folgendes Schaubild erläutert die Struktur und nennt beispielhaft mögliche Dissertationsthemen:
| Adäquanz der internationalen Finanzarchitektur | Finanzsystemstabilität als internationale Regulierungsaufgabe | Wechselwirkungen zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft – Folgen für Geldpolitik und Marktaufsicht |
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Die Struktur des Graduiertenkollegs soll durchgängig interdisziplinäres Arbeiten gewährleisten. Aus diesem Grund sind für jedes Themenfeld zugleich Wirtschaftswissenschaftler als auch Juristen verantwortlich. Jeder einzelne der beteiligten Hochschullehrer wird primär zwei Säulen zugeordnet, um eine inhaltliche und methodische Verknüpfung zwischen den Themenkreisen sicherzustellen.
In methodischer Hinsicht wird jedoch ausdrücklich kein einheitlicher Ansatz verfolgt. Unter dem Oberthema des Graduiertenkollegs sind Einzelthemen versammelt, die jeweils eigenständiges methodisches Herangehen erfordern. Jegliche methodische Vereinheitlichung im Vorfeld würde den Erkenntnisgewinn schmälern. Erträge durch interdisziplinäres Arbeiten sollen vielmehr dadurch gesichert werden, dass bei der Betreuung der einzelnen Themen die Perspektiven sowohl der Rechtswissenschaft als auch der Wirtschaftswissenschaften zum Tragen kommen. Insofern muss von der Fragestellung des einzelnen Themas her der konkrete Methodenansatz in Zusammenarbeit der beteiligten Hochschullehrer bestimmt werden. Methoden sollen als Instrumente zur Problemlösung behandelt werden, so dass die Erkenntnis des konkreten Problems nach bestimmten Methoden ruft und nicht umgekehrt. Um sicherzustellen, dass die Kollegiaten ihre individuellen methodischen Fähigkeiten weiterentwickeln und themenbezogen anwenden können, werden sie neben den Hochschullehrern zudem von hochqualifizierten Postdocs betreut.
Eine ausführliche Beschreibung und Analyse zum Stand der Forschung und zum Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs finden Sie hier.
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